Mein Binntal – eine Suche


Aufsatz

 

Nach vielen Jahren des Wegseins sind Sie zurückgekehrt ins Dorf Ihrer Jugend– mein Onkel und meine Tante, für immer und für fest. Auch mein Vater und meine Mutter. Als moderne Nomaden lebten sie die letzten 10 Jahre Ihres Lebens vom Frühling bis in den Herbst hinein im Binntal. Nur den Winter verbrachten sie in Naters.

Diese Rückkehr ist faszinierend. Warum kehren meine Leute nach Jahren in der „Fremde“ zurück ins Binntal? Es gibt nicht äussere, offensichtliche Gründe. Die Gründe sind Innere. Sind verborgen und wohl nur teilweise bewusst.

Das Tal übte und übt eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus, eine eigene Faszination – die etwas mit der eindrücklichen Natur zu tun hat. Diese ist gleichzeitig bedrohlich und wunderschön. Beschreib- und klassifizierbar, aber auch rätselhaft und deutungsbedürftig. Wie sieht denn eine Annäherung an diese Anziehungskraft aus?


Sind es die Höhen und Tiefen?

Vom Eggerhorn, über den Schweifegrad, zum Mittaghorn, dann Turbhorn, Hohsandhorn, Ofenhorn, dann Schinhorn, Scherbadung, Helsenhorn, Breithorn – so schliessen sich die Höhen und umschliessen das Tal und seine Bewohner. Diese Höhen sind gleichzeitig wunderbare Genussorte, aber auch bedrohlich und Respekt heischend. Diese Gipfel brechen und lenken die Winde und das Wetter. Auf diesen Gipfeln erfährt man Kraft und wuchtige Schönheit. Die Bezwingung dieser Gipfel kostet Schweiss und Mut.

Der tiefste Punkt im Binntal ist die geheimnisvolle Twingi-Schlucht. In ihr kulminieren die Kräfte, die Winde und die Stürme, die von den Berghängen herunter wehen. In ihr kulminieren auch die Wärme und das Licht, welches von den Bergen herunter strömt. Das Resultat ist eine wunderbare Schlucht, mit einem wunderbaren Lichtspiel, mit einer unwirklich scheinenden, von Mäuerchen umsäumten alten Strasse. Hier wachsen wunderbare Blumen.

Das Weilerchen Ze Binne -.Ausgangspunkt für die Twingischlucht – ist gleichzeitig meine Heimat. Auch die Twingi erheischt Respekt. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an den Tod meines Grossvaters im Jahre 1931. Dieses Kreuz und ab und zu ein heruntergefallener Stein auf der Strasse mahnen sowohl im Winter als auch im Sommer daran, dass immer etwas Unerwartetes passieren kann.

Es sind auch die Höhen und die Tiefen, die eine grosse Anziehungskraft ausüben.

 

Sind es die Übergänge?

Übergänge führen auf die andere Seite. Übergänge führen zunächst mal an den Rand des eigenen Gebietes und dann zu etwas anderem hin. Saflischtal und Steinujoch führen ins Simplongebiet.

Ritter- und Chriegalppass, dazu noch Geisspfad und Grampielpass, aber auch der Albrunpass und das Hohsandjoch führen alle nach Italien. Ist es die Nähe zu Italien? Zur modernen „Italianità“? Oder die Nähe zum Walsertum? Diese Übergänge wurden auch von den Walsern genutzt. Oder ist es die Nähe zum Schmuggel. Zu Kriegszeiten – eine Realität. Dann führen noch Übergänge ins Rappetal, oder über Äbnimatt nach Ausserbinn. Früher übrigens im Winter der einzige relativ gefahrlos zu begehende Weg aus dem Binntal!

Will man diese Übergänge überschreiten steigt man immer durch Täler auf, bis man auf einen Pass, auf ein Joch oder eine Lücke kommt. Viele Übergänge bedeuten auch immer viele Täler, an die sich Berghütten schmiegen. Zu denen die Fallwinde herunter strömen und die Geschichten von den Gletschern, den armen Seelen, von verlorenen Alphirten und schönen Schmugglerinnen erzählen.

Es sind auch die Übergänge, die eine magische Anziehungskraft ausüben.

 

Ist es das Gefühl „gestärkt“ zu werden?

Komme ich von einer Tour zurück, oder fahre ich ins Binntal – stellt es sich ein. dieses Gefühl: ein kleines Lächeln meiner Seele und ich freue mich einfach. Ich schaue und schaue und sauge Licht und Bilder und Gipfel und Tiefen in mich ein – dazu Blumen und Tiere - und ich freue mich.

Freude erleben gibt Kraft und Stärke. Ich weiss nicht genau was es ist, aber es ist.

Ja, es ist auch das Gefühl gestärkt zu werden, welches eine unerklärbare Anziehungskraft ausübt.

 

 

 

 

Ist es die Abgeschiedenheit?

Die Abgeschiedenheit hat das Binntal bewahrt und das Binntal ist wunderschön geblieben. Angepasste Gebäude, ein angepasstes touristisches Angebot und eine intakte Natur haben das Tal vor dem Tourismuswahn bewahrt. Das Binntal ist abseits des Gommer Haupttales ein verstecktes Tal. Das Binntal ist ein Tal für Kenner, für Geniesser, für Natur- und Mineralienfreunde. In seiner Abgeschiedenheit findet man Ruhe und Stärkung. Seine stärkende Abgeschiedenheit ist ideal um zu Lernen und neue Projekte zu konzipieren. Es gibt beinahe Nichts, was einen ablenken könnte.

Es ist auch die Abgeschiedenheit, die eine bewahrende Anziehungskraft ausübt.

 

 

 

Ist es die unglaublich herbe Schönheit?

Das Binntal ist eine Perle unter den Tälern. Sein zerklüftetes Sein und die harten Granite, aber auch die weichen Sedimente bilden eine ursprüngliche, herbe und unglaubliche Schönheit, die ihresgleichen sucht.

Schönheit ist nicht definierbar, wir beurteilen sie jedoch, und ob kultiviert oder nicht, wir spüren und erfahren Schönheit: ein Gefühl, eine Landschaft, Kunst. Schönheit lässt sich finden, öffnet sich, eröffnet sich, ist vertraut.

Ziel muss es werden den eigenen Jahren Leben hinzuzufügen – Schönheit hinzufügen ist Leben.

Es ist auch die Schönheit, die eine lebend machende Anziehungskraft ausübt.

 

 

Ist es der Menschenschlag?

Selber ein Grenzgeher zwischen Stadt und Land, zwischen Urbanem und Ländlichem, zwischen Tramschienen und Trampelpfaden, beginne ich nachzudenken und nachzuspüren.

Die Stadt mit ihrem reizvollen, mit ihrem verführerischen Speed dreht sich schnell und schneller weiter, mächtig und kraftvoll, gleichzeitig stolz und eigen, aber auch verletzlich, verletzend oft und empfindsam. Auch die Stadt hat Ihre Magie, einen im Unerklärlichen wurzelnden Reiz. Warum gibt es eigentlich keine Stadtsagen?

Das Binntal verändert sich auch, dreht auch, dreht langsamer. Das Binntal dreht sich quasi zu „Fuss“. Einheimische, denen es zu langsam dreht, verlassen das Dorf. Zermürbt vom „Fortschrittskampf“, enttäuscht über die wahren Machtverhältnisse. Hier könnte Binn von der Stadt lernen. Multikulturalität statt „Monobinneralität“.

Und doch – es sind diese Menschen, die das Binntal bewahrt und die ihr Auge für seine Schönheit geschärft haben. Auch sie - stolz und eigen, verletzlich und empfindsam.

Es ist auch der Menschenschlag, der die ungebrochene Anziehungskraft des Binntal ausübt.

 

 

Gleichviel…

Ich mache mich nun auch auf den Weg und erliege der Anziehungskraft des Binntal.

Vielleicht treffen wir uns mal, vielleicht beim Laufen, bei einem Glas Wein, vielleicht beim gemeinsamen Lernen. Freue mich.

Peter Mangold

1. Mai 2009